Hintergrund und Ziele des Projektes

Hintergrund

In der heutigen Gesellschaft wird die Freizeit für die Identität und die Lebensqualität der Menschen immer wichtiger. Das Freizeit- und Kulturangebot hat sich enorm vergrößert, vervielfältigt und internationalisiert. Durch die Digitalisierung sind völlig neue künstlerische Ausdrucksformen entstanden. Doch wer rezipiert in Deutschland welche kulturellen Angebote in welchem Umfang? Welche Determinanten und Prozesse sorgen dafür, dass manche Menschen von Kulturangeboten begeistert sind, die andere kalt lassen oder rigoros ablehnen? Diese und weitere Fragen stehen im Zentrum der bislang größten wissenschaftlichen Studie zu diesem Thema in Deutschland.
Lange Zeit gab es hierzu in Deutschland kaum spartenübergreifende, wissenschaftlich belastbare und verallgemeinerbare Erkenntnisse. Die Datenbestände waren entweder veraltet, spartenspezifisch verengt, regional beschränkt, methodisch intransparent oder gänzlich unzugänglich. Das Projekt „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland“ schließt diese Lücke, indem es die Kulturpartizipation der deutschsprachigen Bevölkerung bundesweit umfassend erforscht.
Das Projekt knüpft an internationale Surveyprogramme zur Kulturpartizipation an, etwa „Pratiques Culturelles des Français“ (Frankreich, seit 1973), „Survey of Public Participation in the Arts“ (USA, seit 1982), „Dutch Family Survey“ (Niederlande, seit 1992), „Cultural Participation in Flanders“ (Belgien, seit 2003), „Taking Part“ (Großbritannien, seit 2005) und „Kulturverhalten in der Schweiz“ (Schweiz, seit 2008). Zugleich setzt die Studie mit innovativen Messinstrumenten auch international neue Akzente.

Kulturbegriff

Der Projektkonzeption liegt ein enger Kulturbegriff zugrunde. Kultur wird vornehmlich im Sinne der Künste verstanden. Zugleich findet ein weiter Kunstbegriff Verwendung. Er geht über den klassischen Hochkulturkanon hinaus und greift weit in den Bereich der Populärkultur aus. Zur Kulturpartizipation zählen in unserem Verständnis vier Aspekte: die mengenmäßige Nachfrage nach kulturellen Gütern (Kulturkonsum); die individuellen Umgangsweisen mit diesen Gütern (Kulturrezeption); die nicht-professionelle Schaffung kultureller Güter (Kulturproduktion); und die zum Kompetenzerwerb für die Kulturrezeption und -produktion ergriffenen Maßnahmen (kulturelle Weiterbildung). Die Kulturpartizipation wird schwerpunktmäßig in den Sparten Musik, Film, Literatur, darstellende und bildende Kunst untersucht, doch werden auch Grenzbereiche zur angewandten Kunst, Unterhaltung und anderen Freizeitaktivitäten erfasst. Kulturelle Bildung meint im Projektkontext den aus Lernprozessen resultierenden Bestand an spartenspezifischen rezeptiven und produktiven Kompetenzen im Umgang mit kulturellen Gütern. Sie ist eine zentrale Voraussetzung der individuellen Art und Weise der Kulturrezeption.

Zielsetzungen

Das Projekt „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland“ hat mehrere Zielsetzungen:

  1. Ein elementares Anliegen der Basisstudie des Jahres 2018 war es, die Partizipationshäufigkeit der Bevölkerung Deutschlands im Hinblick auf verschiedene Kulturangebote mit Hilfe einer standardisierten Repräsentativumfrage zu ermitteln. Beispielsweise: Welcher Anteil der Bevölkerung geht wie häufig ins Konzert oder ins Museum? Wie stark und in welcher Weise hängt dieser Anteil vom Musikgenre bzw. Museumstyp ab?

  2. Damit verknüpft ist die Frage nach sozialen Ungleichheiten der Kulturpartizipation: Welche Unterschiede gibt es etwa nach Geschlecht, Alter, Schichtzugehörigkeit, Migrationshintergrund oder Wohnort der Menschen?

  3. Das dritte Ziel richtet sich auf die Erklärung der vorfindbaren Muster der Kulturpartizipation. Zum Beispiel: Warum variiert die Besuchshäufigkeit in Konzerten oder Museen von Person zu Person? Und warum zieht es höhere soziale Schichten häufiger dorthin? Dazu wurden theoretische Vorüberlegungen angestellt und in den Fragebogen übersetzt. Die Umfrage des Jahres 2021 erweitert die Erklärungsperspektiven, die in der Basisstudie verfolgt wurden.

  4. Zwar betreibt das Projekt in erster Linie wissenschaftliche Grundlagenforschung, doch können auch praktisch-politische Implikationen abgeleitet werden. Beispielsweise: Wird der Grundstein der späteren kulturellen Teilhabe bereits im Elternhaus gelegt und wie stark können schulische Anregungen derartige Weichenstellungen verändern? Welchen Einfluss hat die räumliche Distanz konkreter Kulturangebote vom Wohnort auf die Nutzungshäufigkeit? Wie einkommenssensibel ist die Kulturpartizipation und was bedeutet das für die Preisgestaltung von Kulturanbietern?

  5. Das Projekt wird 2021 zu einer Panelstudie ausgebaut, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Basisstudie erneut befragt werden. In der kultursoziologischen Forschung ist dies mit Ausnahme der britischen Studie „Taking Part“ weltweit ein einzigartiges Vorhaben! Wir erhoffen uns damit Erkenntnisse über die zeitliche Stabilität von Präferenzen und Partizipationsmustern auf der Individualebene.

  6. Der Scientific Community werden die Daten nach ihrer Erstauswertung für Sekundäranalysen zur Verfügung gestellt. Die Daten bieten interessierten Forschern und Forscherinnen noch auf Jahre hinaus eine Vielzahl spannender Auswertungsmöglichkeiten.

  7. In Deutschland fehlt ein kontinuierliches Kulturmonitoring der Bevölkerung. Die Kulturberichterstattung der amtlichen Statistik beschränkt sich weitgehend auf die Angebotsebene, da Daten zur Kulturpartizipation in gängigen Surveys kaum erhoben werden. Unser Projekt lässt sich als Beitrag zur Verbesserung der Informationsversorgung im Kulturbereich verstehen. Eine Wiederholung des Kernprogramms im Mehrjahres-Rhythmus ist ein wünschenswertes Ziel für die Zukunft!