Pressemitteilungen
Kreative Aktivitäten in Deutschland: Junge Menschen sind am aktivsten
Pressemitteilung vom 05.09.2024
Kulturnutzung in der Pandemie: Private Aktivitäten bieten keine Alternative zum Kulturbesuch
Pressemitteilung vom 30.06.2022
Ergebnisgrafiken
Stadtluft macht aktiv: Kulturelle Angebote werden von Großstädtern häufiger genutzt als von der ländlichen Bevölkerung
Pressemitteilung vom 22.02.2022
Wissenstransfer
Symposium 2026: "Kulturelle Bildung und Teilhabe im Wandel. Der Kultursektor im Spannungsfeld von Lokalität und Globalität"
In den letzten Jahrzehnten sind westliche Gesellschaften kulturell vielfältiger geworden. Durch Migration, ethnische Pluralität, ein grenzenloses digitales Angebot und eigene Auslandsaufenthalte haben sich die Erfahrungsräume der Menschen stark erweitert. Das Spektrum dessen, was in den hohen und populären Künsten Anerkennung genießt, wird immer breiter und facettenreicher. Was bedeutet das für den Kultursektor? Wie gehen Wissenschaft, Politik, Bildungsträger, Kultureinrichtungen und Medien mit den Chancen und Herausforderungen um, die kulturelle Vielfalt mit sich bringt? Welchen Stellenwert haben lokale Besonderheiten, nationale und europäische Traditionen sowie Kulturen aus aller Welt in Angebot und Nachfrage in Deutschland? Und welche Relevanz sollten sie haben, insbesondere in öffentlich geförderten Kulturinstitutionen?
Zu diesem Themenkomplex fand am 18. und 19. März 2026 ein Symposium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz statt, das das KuBiPaD-Team in Kooperation mit dem Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf), Berlin, und dem Fachverband für Kulturmanagementforschung e.V. ausrichtete. In einem dialogischen Format wurden wissenschaftliche Befunde mit Anforderungen und Erfahrungen aus der Praxis ins Gespräch gebracht. Die Veranstaltung umfasste drei thematische Blöcke:
1. Kulturangebote und Kulturpartizipation zwischen lokalen Traditionen und globaler Öffnung,
2. Kulturelle Bildung und Weiterbildung: Vielfalt der Träger, Vielfalt der Inhalte,
3. Kulturauftrag im Wandel? Zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Die Veranstaltung lebte vom offenen und interessierten Austausch der rund 75 Teilnehmenden. Wissenschaftliche und praktische Perspektiven wechselten einander ab, kritische Nachfragen und Diskussionen waren jederzeit erwünscht und wurden rege genutzt. Die auf aktuellen, erstmalig präsentierten Daten der 3. Befragungswelle fußenden KuBiPaD-Vorträge von Marie Schlosser, Gianluca Thorn, Gunnar Otte und Dave Balzer machten deutlich, wie einflussreich die Sozialisation in Kindheit und Jugend für die kulturelle Offenheit im Erwachsenalter sind. Frühe transnationale Erfahrungen begünstigen beispielsweise das Interesse für Musik und bildende Kunst jenseits des Mainstreams genauso wie eine kosmopolitische Erwartungshaltung gegenüber den Inhalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wie wichtig die Bildungslaufbahn ist, machten Annalena Röser und Jonas Jung am Beispiel der Inanspruchnahme kultureller Weiterbildungsangebote deutlich: Wer höhere schulische Bildung erfahren hat, bildet sich umso stärker im Erwachsenenalter weiter. Oliver Tewes-Schünzel vom IKTf zeigte anhand von Bevölkerungsumfragen in Berlin die Potenziale und Schwierigkeiten auf, das Kulturverhalten nach Migrationshintergründen und Milieuzugehörigkeiten aufzuschlüsseln.
Sehr aufschlussreich war die von Ringo Rösener geleitete und lebhaft geführte Podiumsdiskussion zum Thema „Der Kultursektor im Spannungsfeld von Lokalität und Globalität“. Mit Blick auf die von Hilmar Hoffmann in den 1970er Jahren geforderte „Kultur für alle“ wurde betont, dass die soziale Klassenzugehörigkeit auch heute noch ein zentraler Faktor für ungleiche Teilhabe ist und dass sie teilweise die Ursache hinter Unterschieden in der Partizipation nach Migrationshintergründen darstellt. Wie sich Kulturinstitutionen sozial und kulturell öffnen können, machten Doreen Mölders am Beispiel des Historischen Museums Frankfurt und Daniel Andrés Eberhard anhand der Programmschiene „Selam Opera“ der Komischen Oper Berlin deutlich. Michael Annoff stellte Möglichkeiten der partizipativen Kunst am Beispiel der „Neuen Auftraggeber von Pinneberg“ vor, die sich um eine Neunutzung leerstehender Gebäude und eine Wiederbelebung der Fußgängerzone bemühen. Stefan Scheel berichtete von den Schwierigkeiten der Stadt Zeitz, angesichts fehlender kultureller Infrastruktur und demografischen Wandels kulturelle Identität zu schaffen. Auch aus dem Publikum kamen Beispiele für Teilhabeinitiativen. So berichtete Sabine Ruchlinski von KulturRaum München, einem Projekt, das gespendete Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen an Menschen in prekären Lebenslagen kostenlos vermittelt.
Das Stichwort „Diversität“ ruft im Kulturbetrieb wie auch andernorts immer wieder Forderungen nach zahlenmäßiger „Repräsentation“ auf den Plan. Das Symposium zeigte einmal mehr, dass es jenseits dieser reflexartigen Forderung wesentlich schwieriger ist präzise zu zeigen, wie Personen mit internationaler Familiengeschichte für etablierte Kultureinrichtungen zu gewinnen sind und wie umgekehrt die deutschstämmige Bevölkerung für internationale und migrantische Kulturformen zu begeistern ist. Mit großem Beifall aufgenommen wurde vor diesem Hintergrund der Vortrag von Kadir Boyacı, Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog, der anhand von Ebru- und Kalligrafie-Kursen illustrierte, dass diese gerade im kleinstädtischen und ländlichen Raum mit großem Interesse aufgenommen werden, während sie im urbanen Kontext angesichts zahlreicher Konkurrenzangebote schwieriger zu etablieren sind. Er verwies zudem auf die erfolgreiche Strategie des Vereins, über die Begeisterungsfähigkeit von Kindern auch erwachsene Menschen zusammenzuführen. Der Vortrag von Mareike Schams, vhs Landesverband Rheinland-Pfalz, und Andrea Treber, vhs Mainz, bot einen gewinnbringenden Einblick in die Innenperspektive der Volkshochschulen als Anbieter kultureller Weiterbildungen. Der Vortrag verwies darauf, dass Volkshochschulen mit ihrem niedrigschwelligen Zugang Berührungsängste von Menschen gegenüber klassischen Kulturinstitutionen abbauen können, wenn Volkshochschulen in geeigneter Weise mit diesen Institutionen kooperieren.
Die Chancen und Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, kamen beim Symposium mehrfach zur Sprache. So zeigen die KuBiPaD-Daten, dass sich Menschen, die regelmäßig einer kreativen Aktivität nachgehen, weitaus häufiger mit Tutorials und privater Vernetzung weiterbilden als durch den Besuch von Präsenzkursen. Robin Riemann, JGU Mainz, unterstrich mit Mediendaten, wie stark digitale Plattformen in der jüngeren Generation inzwischen traditionelle Massenmedien verdrängt haben. Er berichtete auf der Grundlage seiner Doktorarbeit, wie das ZDF datengestützt versucht, den „Public Value“ seiner Angebote unter Berücksichtigung von Kultur differenzierter zu bestimmen, als es die am Markt üblichen Metriken vermögen. Die anschließende Podiumsdiskussion, in der Peter Grabowski das Publikum in den „Maschinenraum“ des ÖRR mitnahm, stand thematisch ebenfalls im Zeichen der Digitalisierung. Auf der einen Seite erörterten Anne Reidt, ZDF, und Volker Schaeffer, WDR, wie die digitale Vernetzung den öffentlich-rechtlichen Anbietern heute viel besseres und zeitnahes Feedback für die Entwicklung, aber auch die Einstellung von Programmformaten bietet. Auf der anderen Seite verwies Matthias Hornschuh, Komponist, Publizist und Sprecher der Initiative Urheberrecht, auf die prekäre Verdienstsituation, in der sich viele Kulturschaffende derzeit befinden. Hans-Ulrich Wagner, Hans-Bredow-Institut, ordnete die Diskussion zum Kulturauftrag des ÖRR medienhistorisch ein.
Erfreulich war zu erleben, wie viele neue Ideen und wie viel Engagement es für die Weiterentwicklung kultureller Angebote gibt. Ein Problem ist gleichwohl, dass die Wirkungen vieler Initiativen und öffentlich bezuschusster Maßnahmen im Kultursektor unklar bleiben. Es bedarf mehr wissenschaftlich begleiteter Wirkungsevaluation, deren Ergebnisse auch nach außen kommuniziert werden. Wie Thomas Renz, IKTf, in seinem Vortrag betonte, beginnt dies damit, erst einmal die zu erreichenden Ziele genau festzulegen, und mündet darin, systematisch zu untersuchen, welche Wirkungen im Hinblick auf Personal, Programm und/oder Publikum tatsächlich erzielt wurden. Derartige Chancen bieten sich etwa im jüngst angelaufenen Diversity Audit Kunst und Kultur, das Birte Werner und Ebru Tepecik vom Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg vorstellten. Für die Zukunft ist zu hoffen, dass lokal gewonnenes Wissen der Maßnahmenevaluation stärker verbreitet wird, um voneinander zu lernen – sowohl was erfolgreiche Modellprojekte als auch fehlgeschlagene Bemühungen angeht.
Wir freuen uns auf die Fortsetzung der produktiven Diskussion an anderer Stelle!
21. Mainzer Wissenschaftsmarkt 2023

Am 9. und 10. September 2023 präsentierte sich das BMBF-Projekt "Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland" der Öffentlichkeit auf dem 21. Mainzer Wissenschaftsmarkt in der Innenstadt von Mainz. Zahlreiche Besucher und Besucherinnen informierten sich über das Projekt und diskutierten mit dem Projektteam. Sie konnten sich zudem an einer von Projektmitarbeiter Joschka Baum programmierten App ausprobieren, mit der sich anhand eines Kurzfragebogens der persönliche kulturelle Geschmack klassifizieren und mit den statistischen Zwillingen aus der Bevölkerung Deutschlands vergleichen lässt.

Foto: Joschka Baum, Annalena Röser und Tim Sawert präsentieren die App zum kulturellen Geschmack.
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